Mottotext 2017: Erfrischend un(d)beliebt

Mottotext 2017: Erfrischend un(d)beliebt

Nun geht es bald los und wir freuen uns darauf, euch unseren Mottotext fĂŒr das Jahr 2017, vorstellen zu dĂŒrfen.

 

Erfrischend un(d)beliebt

Kampf dem gesellschaftlichen RĂŒckschritt

Vor einem Jahr haben wir proklamiert „Mein Herz schlĂ€gt gegen Rechts“. Wir schauen auf dieses Jahr zurĂŒck und unser proverbialer Schlag wird zu einem Herzrasen! Das Erstarken der Rechten ging weiter und die gesellschaftliche Mitte befindet sich auf dem RĂŒckzug in den Konservativismus. Abgrenzung ist heute wieder en vouge, ausgedrĂŒckt durch steigendenden Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, Homo- und Trans*feindlichkeit. Das alte Spiel von „Wir gegen die Anderen“ versteckt sich jedoch in der heutigen Zeit hinter einigen neuen Masken.

 

Wir sind Eins – Das europĂ€ische Kollektiv im Abgrenzungszwiespalt

Ein paar dieser Masken zeigen sich in der Form von Kollektivdemonstrationen zum Schutze des europĂ€ischen Gedankens, beispielsweise „Pulse of Europe“. Diese AusprĂ€gung der selbstbetitelten AnhĂ€nger der europĂ€ischen Werte beruft sich auf die StĂ€rkung des europĂ€ischen Zusammenhalts, Gemeinschaft und Einigkeit, wĂ€hrend an den europĂ€ischen Außengrenzen Menschen um ihr Leben kĂ€mpfen. Sie wollen die diesjĂ€hrigen Wahlen im europĂ€ischen Raum davor bewahren von rechtskonservativen Bewegungen, Ă  la BREXIT und Trump, ĂŒberrannt zu werden, verpassen es jedoch, sich eben von solchen Bewegungen zu distanzieren und marschieren lieber mit Pegidisten, als diese aufgrund ihrer Ansichten zu verurteilen und abzulehnen.(1)(2)

 

Wir tanzen auch noch nach der Sperrstunde auf dem Regenbogen – Politischer Kampf endet nicht an der Wahlurne

Die bevorstehenden Wahlen sind jedoch ein Punkt, dem es Beachtung zu schenken gilt. Insbesondere die Instrumentalisierung von spezifischen Gruppen zum Stimmenfang der Parteien. Wahlkampf, der sich an bestimmten Personengruppen orientiert, ist völlig normal und eine gĂ€ngige Praxis, jedoch kann die Beobachtung gemacht werden, dass Interessen von Minderheiten, wie zum Beispiel der LSBTTIQA*-Community, im Wahlkampf aufgegriffen und im politischen Alltag schnell zur NebensĂ€chlichkeit werden. Eine dieser Interessen ist die Ehe fĂŒr gleichgeschlechtliche Paare (auch „Ehe fĂŒr Alle“ genannt). In der letzten Legislatur ein Thema, das es nicht in die politische RealitĂ€t geschafft hat. Die Praxis der Stimmenfischerei mit leeren Versprechungen ist abzulehnen und zu verurteilen. Politischer Einsatz fĂŒr Gleichberechtigung darf nicht mit dem Gang zur Wahlurne erledigt sein, sondern muss erkĂ€mpft werden. Es bedarf einer Beteiligung der LSBTTIQA*-Community – auch außerhalb der Wahlkabinen. Wenn wir Ziele erreichen wollen, geht auf die Straßen, engagiert Euch und fordert das ein, was Euch versprochen wird.

 

Wir wollen doch alle nur normal sein – Kniefall vor der Heteronorm

Die „Ehe fĂŒr Alle“ wird als grĂ¶ĂŸtes Ziel der deutschen LSBTTIQA*-Community angesehen. Dass aber viele Gruppen der Community nicht zu dem kollektiven „Alle“ gehören, wird sehr gerne, sowohl von der breiten Masse als auch der Community, verschwiegen. Ganz besonders Trans*- und Inter*personen leiden unter spezifischen Ehe-Diskriminierungen.(3) Wo zieht die Community den Strich zwischen „Alle“, die noch dazu gehören, und Menschen, die hinten runter fallen? Ist es gewĂŒnscht, dass polyamoröse Personen in den Bund der Ehe eintreten dĂŒrfen oder soll die Ehe weiterhin ein Bund zwischen nur zwei Menschen sein? Was ist mit Menschen, die sich gemeinsam um pflegedĂŒrftige Eltern kĂŒmmern? Haben sie dieselben steuerlichen Vorteile einer Ehe verdient? Die Ehe als FĂŒrsorgekonzept ist ĂŒberholt und nicht auf die heutigen Bedingungen ĂŒbertragbar. Statt uns in die Heteronorm zu flĂŒchten, lasst uns lieber daran arbeiten neue Konzepte zu etablieren, die wirklich allen zugutekommen.

 

Heilung, Strafe, Verfolgung, Tod – Die geopolitische Schlinge wird enger

WĂ€hrend deutsche Aktivist*innen sich darum bemĂŒhen ihren politischen Kampf am Traualtar zu beenden, bangen LSBTTIQA* in der restlichen Welt um ihr Leben. GefĂ€ngnis- und Todesstrafen auf HomosexualitĂ€t stehen in vielen LĂ€ndern noch gesetzlich festgeschrieben. In Tschetschenien wurde gerade erst ein Internierungslager fĂŒr Homosexuelle errichtet.(4) In Isfahan, der Partnerstadt Freiburgs, wurden erneut 30 Homosexuelle festgenommen, schikaniert und haben Aussicht auf die im Iran immer noch gĂ€ngige Todesstrafe.(5) In Nigeria wurden die GĂ€ste einer symbolischen privaten Trauung von zwei MĂ€nnern allesamt verhaftet.(6) In den USA sitzen offenkundige Feinde der LSBTTIQA*-Community in hohen politischen Ämtern. Homo- und trans*phobe Angriffe gehören nach wie vor zum Alltag rund um die Welt, so auch in Freiburg. Die Gleichstellung von LSBTTIQA* ist also noch sehr weit entfernt und befindet sich momentan gesellschaftlich betrachtet auf dem RĂŒckschritt.

 

Angst und Sorgen gegen Fundamentalkritik – Der Widerspruch im Umgang mit Rassismus und Antisemitismus

Auch in anderen Bereichen lĂ€sst sich der RĂŒckschritt deutlich erkennen. Die Anzahl an rassistischen und antisemitischen Übergriffen nimmt immer weiter zu. So musste beispielsweise ein VierzehnjĂ€hriger seine Schule in Berlin-Friedenau verlassen, da er sich mit konstanten antisemitischen Anfeindungen und Angriffen durch seine MitschĂŒler*innen konfrontiert sah. Die antisemitische Motivation der Taten wurde durch die Schulleitung und der Elternschaft relativiert und ausgeblendet. Der gesellschaftliche Aufschrei blieb aus. Der Aufschrei bleibt auch bei rassistisch motivierten Angriffen aus. Wenn ein FlĂŒchtlingsheim brennt oder mit eindeutiger Symbolik beschmiert wird, ist das nur Ausdruck von Angst, oder gar Kritik. Im Gegenteil hierzu gibt es gesellschaftliche Strömungen, die differenzierte Kritik an religiösem Fundamentalismus, wie dem politischen Islam in Formen beispielsweise des IS oder der Sharia, durch den Vorwurf des Rassismus versuchen mundtot zu machen.(7)

 

Emanzipation ist gut aber, nur zu unseren Konditionen – Antifeminismus und der politische Umgang mit Frauen

Auch der feministische Diskurs ist oftmals ein Opfer der Instrumentalisierungsmaschinerie. So werden sexuelle Übergriffe gegenĂŒber Frauen nach wie vor als BanalitĂ€ten gehandelt und die Tat und der Schaden dem potentiellen Imageverlust der TĂ€ter gegengerechnet. Geht es jedoch darum das westliche Kollektiv vor den Eindringlingen, namentlich den nicht europĂ€ischen MĂ€nnern, zu verteidigen, so sprechen sich absurderweise ausgerechnet die Konservativen und Rechten dafĂŒr aus, dass „unsere emanzipierte Frau“ geschĂŒtzt werden mĂŒsste, obwohl deren Ideologie Frauen lieber hinter dem Herd sehen wĂŒrde. Frauen sollen und dĂŒrfen sich in der westlichen Welt emanzipieren, so lange es den Bedingungen der patriachalen Gesellschaft nicht schadet. Dass jedoch Übergriffe, wie hĂ€usliche Gewalt oder Vergewaltigungen, auch in biodeutschen Haushalten eine RegelmĂ€ĂŸigkeit haben, findet kein öffentliches Gehör.

 

Queer existence is resistance – Nur auf den Hinterbeinen kĂ€mpft sichÂŽs gut

Wer glaubt der Kampf fĂŒr Emanzipation und Gleichberechtigung neigt sich dem Ende, hat sich getĂ€uscht. Der gesellschaftliche Diskurs zwingt uns den Kampf weiterzufĂŒhren, und zwar nicht nur gegen die extreme Rechte, die Rechtspopulisten, sondern gegen den gesamtgesellschaftlichen RĂŒckschritt. Wir bleiben stark, wir kĂ€mpfen weiter, wir bleiben weiterhin ERFRISCHEND UN(D)BELIEBT!

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(1) http://pulseofeurope.eu/doe-10-grundthesen-des-pulse-of-eu
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(2) http://www.spiegel.de/
/pulse-of-europe-ulrike-guerot-kriti

(3) https://twitter.com/LenaSchimmel/status/849523286082035712
(4) http://www.dailymail.co.uk/
/Chechnya-opens-concentration-c

(5) http://irqr.ca/2016/?p=561
(6) http://www.queer.de/detail.php?article_id=28676
(7) Von Anbegin sind alle monotheistischen Religionen maßgeblich daran beteiligt LSBTTIQA*Personen das Leben schwer zu machen, deshalb sollten alle Religionen und ihre menschenverachtenden Tendenzen gerade von uns in stĂ€ndiger Kritik stehen.