CSD Freiburg

CSD 2014

CSD Freiburg 2014

Pressemitteilung CSD-Freiburg gegen Homo- und Transphobie

Pressemitteilung zum CSD 2014 in Freiburg im Breisgau

CSD-Freiburg gegen Homo- und Transphobie. Diskriminierung stoppen. Ausgrenzung beenden. Gewalt verhindern. Liebe leben.
Die Aufsta╠łnde in der Christopher Street 1969 sind ein Symbol fu╠łr die Versuche Homo- und Transsexueller sich gegen die staatliche Unterdru╠łckung ihres (Liebes)Lebens zur Wehr zu setzen. Die Auseinandersetzungen stellen eine Art Za╠łsur in der o╠łffentlichen Wahrnehmung des Widerstands gegen heteronorme Machtverha╠łltnisse da ÔÇô Machtverha╠łltnisse die in der Verfolgung und Ermordung Homosexueller eine historische Kontinuita╠łt haben.

In Deutschland gipfelte diese im Nationalsozialismus, wo die Verscha╠łrfung des ┬ž175 dazu fu╠łhrte, dass tausende Homosexuelle in Konzentrationslager verschleppt wurden und damit dem Naziterror zum Opfer fielen (1). Seither wurde viel erka╠łmpft, der ┬ž175 der sexuelle Handlungen unter Ma╠łnnern unter Strafe stellte wurde 1994 endlich endgu╠łltig abgeschafft (2). Und obwohl Homo-, Bi-, Inter- und Transsexuelle und Transgender* in Deutschland nicht mehr verfolgt werden, kann von einer wirklichen Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Bereichen keine Rede sein. Von staatlicher Seite wird noch immer diskriminiert, was nicht der Heteronorm entspricht. So werden homosexuelle Paare rechtlich anders behandelt und sie haben nicht in gleichem Ma├če das Recht Kinder zu adoptieren wie heterosexuelle. Transsexualita╠łt ist per Transsexuellengesetz und im ICD10 (3) als psychische Krankheit definiert (4). Transsexuelle Menschen und Transgender*-Personen gelten entgegen ihrer Selbstdefinition als ÔÇ×geschlechtsidentita╠łtsgesto╠łrte Frau oder MannÔÇť und damit als kranke, behandlungsbedu╠łrftige Menschen. Ihnen wird also vom Staat nicht zugestanden, ihre Geschlechtsidentita╠łt selbst zu bestimmen, auch au├čerhalb des bina╠łren Geschlechtsversta╠łndnisses.

Aber nicht nur von Seiten des Stastes gibt es in Deutschland Handlungsbedarf. Die aktuelle Debatte um den Bildungsplan in Baden-Wu╠łrtttemberg zeigt, wie rechtes Gedankengut gepaart mit religio╠łsem Fanatismus dazu fu╠łhren, dass Menschenfeindlichkeit und Antihomohetze wieder einen Na╠łhrboden finden. Dass die Selbstmordrate von schwulen Jungs bis zu siebenmal ho╠łher ist als bei anderen Gleichaltrigen (5) (6) wird kaum registriert oder wird gar als Beleg fu╠łr deren Problematik angesehen. Vielmehr propagieren rechte und rechtspopulistische Gruppen, religio╠łse und sogenannte konservative Bu╠łrger*innen den Untergang der Menschheit, nur weil laut neuem Bildungsplan ku╠łnftig in Schulen vermittelt werden sollte, dass es mehr gibt als Mann und Frau und die Liebe in der HeteroÔÇťnormalita╠łtÔÇŁ.

In allen gesellschaftlichen Bereichen werden wir damit konfrontiert, dass es normal sei heterosexuell zu sein, inklusive einem Wust sexistischer Rollenbilder die Mann und Frau zu erfu╠łllen haben. Diese Themen betreffen alleine in Deutschland hunderttausende Menschen. Umfragen zufolge wagt es aber gerade einmal jede*r vierte Homosexuelle offen zu seiner Sexualita╠łt zu stehen (7). Das hei├čt, dass es nur ein Bruchteil der Menschen schafft ihre Sexualita╠łt oder Liebe zu leben und die u╠łberwiegende Mehrheit von Homosexuellen ein unertra╠łgliches Versteck- spiel oder Doppelleben fu╠łhren mu╠łssen, was fu╠łr den Profifu├čball ebenso gilt wie fu╠łr alle anderen Lebensbereiche. Bei transsexuellen Menschen liegt die Dunkelziffer derer die versteckt leben noch ho╠łher. So fu╠łhrt gerade die Angst vor Ausgrenzung und Gewalt dazu, dass es kaum mo╠łglich ist die Anzahl der ÔÇťsexuell anderenÔÇŁ realistisch zu benennen. Sicher ist, dass es Homo-, Bi-, Inter-, Transsexuelle, Transgender* und queere Identita╠łten schon immer gab und auch ku╠łnftig in allen Gesellschaften und Kulturen geben wird.

Menschen zu verfolgen und sie durch religio╠łsen oder staatlichen Eifer zu ermorden oder zu unterdru╠łcken, zementiert lediglich Machtstrukturen die alle Menschen am Leben hindert, die die Norm der Heterosexualita╠łt nicht erfu╠łllen. Homo- und Transsexuelle mu╠łssen fliehen und ihre Familien verlassen, weil es noch immer Staaten gibt in denen ihnen lediglich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung die Todesstrafe droht. Diese Dramatik wird dadurch noch verscha╠łrft indem La╠łnder wie Deutschland mit genau solchen Regierungen beziehungsweise Regimen zusammenarbeiten und im diplomatischen Eiertanz keine klaren Worte finden. Und die Gesetzeslage gegen sogenannte sexuelle Minderheiten verscha╠łrft sich weiter, wie beispielsweise in vielen afrikanischen Staaten (8) (9) oder auch in Indien (10) und Russland (11).

Staatliche Verfolgung und religio╠łse Hetze sind Wasser auf die Mu╠łhlen von reaktiona╠łren, rechtsextremen und konservativen Kra╠łften, was dazu fu╠łhrt, dass zum Beispiel im Jahr 2014 in Russland Neonazis Kopfpra╠łmien fu╠łr die Ermordung von Homosexuellen zahlen. In vielen La╠łndern werden Webseiten gesperrt in denen das Wort ÔÇťGAYÔÇŁ auftaucht (12). Die gro├čen Religionsgemeinschaften treiben Homophobie und die Ausgrenzung von Homosexuellen weltweit voran. Die psychischen und physischen Folgen fu╠łr die Betroffenen sind katastrophal. Es stimmt, dass in den vergangenen Jahrzehnten viel erka╠łmpft wurde und es positive Entwicklungen fu╠łr sogenannte sexuelle Minderheiten gab; und trotzdem sind die derzeitigen Zusta╠łnde in Deutschland nicht akzeptabel. Weltweit sind sie unertra╠łglich.

Der Christopher Street Day ist ein Gedenk- und Festtag an dem wir auf die Stra├čen gehen. Ein Tag an dem wir unser Leben in die O╠łffentlichkeit tragen. Ein Tag an dem wir Gleichberechtigung fu╠łr ALLE fordern. Ein Tag von 365 Tagen im Jahr. Der CSD ist ein Tag an dem wir allen Opfern von Homophobie und Sexismus gedenken. Ein Tag an dem wir feiern und an dem wir ka╠łmpfen; fu╠łr eine Welt in der Ausgrenzung und Diskriminierung keinen Platz mehr haben. Wir haben genug von politischen Sonntagsreden und falscher Toleranz. Wir fordern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit LSBTTIQ-Themen auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen. Mit der ersten CSD-Demonstration in Freiburg seit u╠łber 10 Jahren verleihen wir unseren Forderungen auch im Su╠łden Deutschlands Nachdruck.

ÔÇó Wir fordern eine Offenlegung und das Ende jeglicher Gewaltanwendungen gegen Menschen aufgrund deren Abweichung von der Heteronorm. Damit verbinden wir auch das konsequente Vorgehen gegen nationalistische, rechtsextreme und religio╠łse Propaganda.

ÔÇó Wir fordern die Unterstu╠łtzung von Menschen die Aufgrund ihrer ko╠łrperlichen Auspra╠łgung oder ihrer sexuellen Neigung fliehen mussten; Bleiberecht fu╠łr alle und das Ende der Residenzpflicht fu╠łr Flu╠łchtlinge.

ÔÇó Wir fordern ein sofortiges Ende der Lohndiskriminierung von Frauen in Deutschland inklusive der Verbrei- tung sexistischer Rollenbilder und patriarchaler Machtvorstellungen.

ÔÇó Wir fordern die sofortige und ersatzlose Streichung der Kategorie ÔÇťGeschlechtsidentita╠łtssto╠łrungÔÇŁ aus dem ga╠łngigen Krankheitskatalog ICD und somit ein sofortiges Ende der Transpathologisierung in Deutschland.

ÔÇó Wir fordern die vo╠łllige Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften, inklusive des vollen Adoptionsrechts.

ÔÇó Wir fordern die Anpassung der Bildungspla╠łne an queere Lebensrealita╠łten, frei von religio╠łsdominierten, heteronormen und sexistisch gepra╠łgten Machtstrukturen.

ÔÇó Wir setzen uns ein fu╠łr einen gemeinsamen Kampf fu╠łr die Rechte ALLER, unabha╠łngig welcher sozialer, kultureller oder geografischer Herkunft, Fa╠łhigkeiten, ko╠łrperlicher Auspra╠łgungen oder sexueller Orientierung.

ÔÇó Wir wu╠łnschen uns mehr Solidarita╠łt innerhalb emanzipatorischer sozialer Bewegungen, weil Diskriminierungsformen miteinander verschra╠łnkt sind.

In diesem Sinne sehen wir uns auf den Stra├čen und in allen anderen Bereichen des Lebens. Wir feiern zusammen, wir lachen, weinen, arbeiten, faulenzen, freuen uns und streiten miteinander.

WIR LEBEN WIE WIR WOLLEN UND WIR LIEBEN WEN WIR WOLLEN.

Deshalb rufen wir alle Menschen dazu auf, sich an den Veranstaltungen des CSD-Freiburg und insbesondere an der Demonstration am Samstag, den 12. Juli 2014 zu beteiligen.

Orgateam des Freiburger CSD 2014

Fu├čnoten

(1) http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/ 7808/2010-03-08-Die-nationalsozialistische-Homosexuellenverfolgung
(2) http://www.tagesspiegel.de/politik/gleichberechtigung-fuer-homosexuelle-abschaffung-des-paragrafen-175-das-ende-der- schande/9590732.html
(3) http://www.who.int/classifications/icd/en/GRNBOOK.pdf
(4) http://atme-ev.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=12&Itemid=9
(5) http://www.coming-out-day.de/informationen/fakten.html
(6) http://www.freitag.de/autoren/cyterion/suizidversuch-bei-jedem-fuenften-schwulen
(7) http://www.sueddeutsche.de/leben/studie-zu-homosexuellen-in-europa-nur-jeder-vierte-schwule-wagt-coming-out-1.1674814
(8) http://www.zeit.de/politik/2014-02/uganda-homosexualitaet-diskriminierung
(9) http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/homosexualitaet-in-afrika-von-duldung-zu-leidenschaftlicher- ablehnung/9569520.html
(10) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gerichtsurteil-in-indien-ist-homosexualitaet-jetzt-wieder-strafbar-a-938408.html
(11) http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-putin-segnet-gesetz-gegen-homosexualitaet-ab-a-908624.html
(12) http://en.wikipedia.org/wiki/Internet_censorship_by_country